Psychiatriemißbrauch

Fachpsychiatrische Meinung

-->> Stellungnahme des BKH Bayreuth vom 4.3.2013 und der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth zur Fortdauer der Unterbringung vom 27.3.2013

 

Fachpsychiatrische Meinung zur Stellungnahme des Bezirkskrankenhauses Bayreuth vom 04.03.2013 in der Strafvollstreckung gegen Herrn Gustl Mollath

 

 

 

Es handelt sich um eine Stellungnahme zum  zurückliegenden Berichtszeitraum seit dem 18.12.2012, verfasst durch den Chefarzt Herrn Dr. Leipziger und der leitenden Oberärztin Frau Bahlig-Schmidt.

 

Es wird Herrn Mollath, wie im Anlassgutachten, weiterhin eine wahnhafte Störung attestiert. Was überhaupt nicht diskutiert wird, bei einem neutralen Gutachten aber unerlässlich ist, wäre, dass man davon ausgeht, dass das so genannte Wahnerleben der Wirklichkeit entspricht.

Die Diagnose sei von den Psychiatern Herrn Dr. Kröber und Herrn Dr. Pfäfflin bestätigt worden. Dabei hätte  Herr Dr. Kröber in seinem „Gutachten“ vom 27.06.2008  eine paranoide Psychose differentialdiagnostisch für möglich gehalten.

Die vier Psychiater Leipziger, Bahling-Schmidt, Kröber und Pfäfflin halten sich dabei nicht an die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten (ICD 10). Diese besagt, dass beim Vorliegen des Symptoms eines Wahns eine organische, suchtmittelbedingte, depressive und schizophrene Ursache ausgeschlossen werden muss, um letztendlich die Ausschlussdiagnose einer wahnhaften Störung stellen zu können. Wenn also Herr Dr. Kröber eine paranoide Psychose in Erwägung gezogen hat, aber diese anhand der Kriterien gemäß ICD 10 nicht verifizieren konnte, dann hätte er allenfalls den Verdacht auf eine paranoide Psychose stellen  und differentialdiagnostisch eine wahnhafte Störung diskutieren können. Laut ICD 10 kann und darf die Diagnose einer wahnhaften Störung mit der Differentialdiagnose einer paranoiden Psychose nicht gestellt werden.

Das Anlassgutachten von Herrn Dr. Leipziger hat ebenfalls eine organische, suchtmittelbedingte, depressive und schizophrene Ursache für den angeblichen Wahn differentialdiagnostisch überhaupt nicht ausgeschlossen. Somit liegt bei Herrn Mollath keine Erkrankung gemäß der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten (ICD 10) vor. Die Behauptung, dass hier eine wahnhafte Störung bestehe, ist wissenschaftlich nicht nachvollziehbar.

Dazu, dass überhaupt keine Erkrankung existiert, passt wiederum der aktuelle psychopathologische Befund in der Stellungnahme. Es wird ein psychopathologischer Befund ohne Krankheitswert wiedergegeben, der die im weiteren Verlauf aufgeführten und unterstellten „Auffälligkeiten“ des Herrn Mollath unglaubhaft macht (die genannten „Auffälligkeiten“ sind in Klammern wiedergegeben):

 

 

  1. bewusstseinsklar
  2. voll orientier
  3. im direkten Kontakt höflich und ausreichend angemessen ( widersprüchlich: situativ deutlich unangemessenes Sozialverhalten), Wortwechsel begrenzen sich auf wenige Worte (widersprüchlich: massive Abwertungen und Beleidigungen einzelner Stationsmitarbeiter; Beispiel wird nicht genannt)
  4. Stimmung ausgeglichen (widersprüchlich: affektiv wenig resonant und schwingungsfähig)
  5. unbeeinträchtiger Antrieb
  6. Fähigkeit zur Eigendynamisierung
  7. formales und inhaltliches Denken nicht ausreichend beurteilbar, halluzinatorisches Erleben nicht nachweisbar (widersprüchlich: generalisiertes Unrechtserleben; generalisierte Misstrauenshaltung stelle Störung des Pat. dar; dies solle auch für Personen gelten, die nicht an der Unterbringung beteiligt seien)
  8. kein Anhalt für suicidales Gedankengut
  9. normales Essverhalten
  10. gesicherter Tag-/Nachtrhythmus
  11. kein Anhalt für Schlafstörungen, toleriert nächtliche Zimmerkontrollen
  12. absprachefähig z.B. 4 Telefonate pro Tag (widersprüchlich: wiederholte Betonung der „vielen und langen Telefonate“; Herr Mollath nehme keinerlei Rücksicht auf seine Mitpatienten und er gebe Patientennamen am Telefon ohne Erlaubnis weiter ( Bemerkung: Herr M. unterliegt nicht der Schweigepflicht))
  13. wirkt gelöst
  14. Kontakt zu 2-3 Mitpatienten, (widersprüchlich: zu keinem Mitarbeiter eine basale Beziehungsgrundlage)

 

Es folgen in der Stellungnahme weitere Ungereimtheiten:

                                                            

Es heißt,  die Stellungnahme „stellt nur das Verhalten des Patienten im Stationsalltag dar“, „keine Einblicke in Planungen, Einstellungen, Denkweisen und Motive des Patienten“. Woher weiß man dann, dass Herr Mollath „sich in der „Endphase der Unterbringung“ “ erlebe?

 

Man spricht davon, dass man eine Telefonregelung getroffen habe. Damit wird bestätigt, dass Herr Mollath absprachefähig ist.

 

Herr Mollath soll sich gegenüber einem Mitarbeiter negativ geäußert haben, in welcher Weise, wird nicht beschrieben. Dieser Mitarbeiter gibt an, dass es zu keiner, ihm erinnerlichen Konfrontation gekommen sei. D.h. es besteht kein Impulskontrollverlust seitens Herrn Mollath, obwohl sich dieser negativ über den Mitarbeiter geäußert haben soll. Der Pfleger spricht von einem korrektem „Auftreten von Herrn Mollath bei zufallsbezogenen Kontakten“.

 

 

In früheren Stellungnahmen habe man über ausgeprägte Ängste und hypochondrische Befürchtungen des Herrn Mollath berichtet. Jetzt sei dies nicht mehr so, er toleriere das Krankenhausessen und die dargereichten Pflegeprodukte. Wie konnte es zu dieser Verbesserung kommen, wenn keine Behandlung erfolgte?

 

„Aus Gründen der Deeskalation werden seitens der Referentin (gemeint ist wohl die OÄ Bahlig-Schmidt) keine Gesprächskontakte zum Patienten im Berichtszeitraum mehr initiiert“, auch die anderen Mitarbeiter suchen kein Gespräch mehr.

 

„Zusammenfassend ist für den Berichtszeitraum festzustellen, dass Herr Mollath mit seiner Wahrnehmung, dass er sich momentan in den Medien und bei der Justiz angemessen und würdig in seinen Bedürfnissen und Einstellungen vertreten sieht, im klinischen Alltag weitestgehend konfliktfrei agieren kann, da er sich eben öffentlich vertreten erlebt und dies für ihn aus forensisch-psychiatrischer Sicht eine massive narzisstische Aufwertung bedeutet und seitens der Behandler auf Konfrontation bzw. Hinterfragen problematischer Inhalte

-auf expliziten Wunsch des Patienten und seiner Anwältin hin -gänzlich verzichtet wird.“

 

Zuvor hieß es: Die Stellungnahme „stellt nur das Verhalten des Patienten im Stationsalltag dar“, „keine Einblicke in Planungen, Einstellungen, Denkweisen und Motive des Patienten“.

 

Weiter heißt es: „sinnvolle, sowohl angezeigte als auch realisierbare Möglichkeiten der therapeutischen Einflussnahme und Hilfestellung auf bzw. für Herrn Mollath verhindert, auch durch die Rechtsanwältin“.  Welche Therapie hier notwendig sein sollte, wird nicht aufgeführt.

 

Es stellt sich nun die Frage, wenn Herr Mollath therapiert werden muss, dies aber nicht stattfindet, warum man ihm bereits zwei Lockerungsstufen bewilligt hat:

Stufe B seit dem 08.11.2010 ( alleinige Ausgänge auf dem Klinikgelände), zuvor 1 Jahr lang Ausgänge ohne Fesseln in Personalbegleitung.

Dieses Lockerungssystem zeichnet sich dadurch aus, dass die Patienten, um von einer Lockerungsstufe in die nächste zu gelangen, jeweils ein umfangreiches Prüfverfahren unter Leitung des Chefarztes der Klinik durchlaufen müssen. Lockerungen des Freiheitsentzuges sind ein wesentlicher Bestandteil der Therapie im Maßregelvollzug. Wenn die Therapie eines/r Patienten/in nachweisliche Fortschritte gemacht hat, kann die Klinikleitung den Freiheitsentzug entsprechend dem Therapieerfolg gezielt und kontrolliert stufenweise verringern. Das schrittweise Erlernen eigenverantwortlichen Handelns ist Bestandteil des therapeutischen Programms und soll auf die Wiedereingliederung in die Gesellschaft vorbereiten. "Schrittweise" ist dabei fast buchstäblich zu verstehen: Die erste Lockerungsstufe ist in der Regel der 1:1-Ausgang: Der Patient verlässt die Klinik in Begleitung einer Pflegekraft für einen festgelegten Zeitraum zu einem vorher vereinbarten Ziel und Zweck. Weitere Lockerungen des Freiheitsentzuges, wie zum Beispiel ein unbegleiteter Einzelausgang, die Aufnahme einer Beschäftigung außerhalb der Klinik bis hin zu einer längerfristigen Beurlaubung schließen sich nur dann an, wenn weitere Behandlungsfortschritte nachgewiesen werden können und der Patient sich auf der vorangegangenen Stufe bewährt hat. Wichtigstes Kriterium ist stets, dass eine Gefährdung der Bevölkerung nach bestem ärztlichen und therapeutischen Wissen ausgeschlossen werden kann. Das System weiterführender Lockerungen wird keineswegs automatisch durchlaufen. Lockerungen stehen in engem Zusammenhang mit dem Erfolg der Therapie und werden für jeden Patienten individuell geprüft. Daher gibt es Patienten, die aufgrund fehlender Therapiefortschritte jahrelang auf einer Lockerungsstufe verbleiben oder gar keine Lockerungen erhalten.

Vor der Bewilligung von Vollzugslockerungen ist die Vollstreckungsbehörde, das heißt die zuständige Staatsanwaltschaft zu beteiligen, soweit sie dies bei der Aufnahme des Patienten angeordnet hat. Grundsätzlich gilt dies vor der ersten unbeaufsichtigten Lockerung von Patienten, deren Risikopotential aufgrund ihres Deliktes, ihrer Störung und ihres Behandlungsverlaufes besonders schwierig zu beurteilen ist. Zur zusätzlichen Absicherung kann ein Sachverständigengutachten in Auftrag gegeben werden.

 

Die abschließende Erklärung, dass „keinerlei Hinweise ausgemacht werden, dass sich prognoserelevante Veränderungen im Hinblick auf die zu erwartende Gefährlichkeit ergeben hätten“, ist ebenso weinig nachvollziehbar. Wie konnte Herr Dr. Leipziger in Abstimmung mit der StA Lockerungen anordnen, wenn Herr Mollath unverändert gefährlich sein soll?

Ein Missbrauch der Lockerungen seitens Herrn Mollath wird nicht dokumentiert.

 

Außerdem wird eine aktuelle Stellungnahme von Dr. Pfäfflin vom 12.03.2013 erwähnt, die mir unbekannt ist. Das BKH schreibt: „die therapeutischen Implikationen, welche…im Prognose-Gutachten von Herrn Prof.Dr. Pfäfflin vom 12.03.2013 den aktuellen Behandlern aufgetragen wurde…können…nicht in Ansätze umgesetzt werden….

Sinn und Zweck der Maßregelvollzugsbehandlung nicht erreicht werden.“

 

Da gibt es also einen außen stehenden Psychiater, der den zuständigen Ärzten aufträgt, wie Herr Mollath zu behandeln ist. Diese können die Auflagen aber nicht umsetzen, so dass alles sinn- und zwecklos ist. Aber trotzdem wird zweimal eine Lockerung angeordnet. Dies ist völlig denkunlogisch.

 

Fazit:

Bei Herrn Mollath liegt gemäß der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten (ICD 10) keine Erkrankung vor. Diese Einschätzung spiegelt sich im aktuellen psychopathologischen Befund des BKH  vom 04.03.2013 wieder, der unauffällig ist. Dementsprechend ist Herr Mollath absprachefähig, verstößt nicht gegen die Lockerungsmaßnahmen und ist nicht durch Impulsdurchbrüche und fremdaggressives Verhalten aufgefallen.

Die ihm unterstellte wahnhafte Störung mit fremdaggressivem Verhalten soll durch die Berichterstattung in den Medien bei Herrn Mollath dazu geführt haben, dass er sich konfliktfrei auf der Station bewegen könne. Das Charakteristische bei einer wahnhaften Störung ist aber die Unkorrigierbarkeit des Wahns. Der Betroffene ist nicht in der Lage zu erkennen, dass sein Wahn nicht mit der Realität übereinstimmt und er kann ihn schon gar nicht willentlich ablegen. Eine Verbesserung des Wahns ist durch eine medikamentöse und/oder psychotherapeutische Behandlung möglich. Eine Heilung durch Einflussnahme der Medien von außen, ist bisher nicht bekannt. Eine Behandlung fand  bei Herrn Mollath nicht statt. Sein Zustand wird als unverändert beschrieben, trotzdem werden Lockerungsmaßnahmen durchgeführt. Es werden im Stationsalltag keine Impulsdurchbrüche dokumentiert, trotzdem soll Herr Mollath weiterhin allgemeingefährlich sein und weiter untergebracht werden. Diese Einschätzung ist aus fachpsychiatrischer Sicht nicht nachvollziehbar und erscheint willkürlich.