Psychiatriemißbrauch

Kommentar zum Interview von Hans-Ludwig Kröber

Kommentar  zum Interview von Hans-Ludwig Kröber, Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Charité  mit Telepolis vom 1.Juli 2013, der  als einer der renommiertesten deutschen Gerichtspsychiater bezeichnet wird.

 

Herr Kröber geht davon aus, dass staatliche und juristische Entscheidungen Herrn Mollath dorthin gebracht haben, wo er jetzt ist und die Psychiatrie und die psychiatrische Klinik sei das unschuldige Opfer.

Wenn man das ganze Interview aus fachpsychiatrischer Sicht betrachtet, gewinnt man eher den Eindruck, dass die Psychiatrie hier nicht das Opfer, sondern der Mittäter ist. Es ist verständlich, dass der Fall Mollath Herrn Kröber bedrückt, denn er hat maßgeblich daran mitgewirkt.

Zu der Opfer-Täter –Rolle hakte Telepolis nach: „Nun ist es ja so, dass die Justiz das zurückspielt, indem sie sagt: Die Gutachter haben doch bescheinigt, dass Mollath weiterhin gefährlich ist.

Hans-Ludwig Kröber: Nein, die Gutachter haben bescheinigt, dass Mollath krank ist. Das ist einhelliger Tenor und das wird man vielleicht auch verifizieren können, wenn er draußen ist.“

Das entspricht nicht der Wahrheit. In der Stellungnahme der BZK  Bayreuth vom 04.03.2013 heißt es: „Von daher muss zum gegenwärtigen Zeitpunkt aus forensisch-psychiatrischer Sicht festgestellt werden, dass Sinn und Zweck der Maßregelvollzugsbehandlung nicht in Ansätzen erreicht werden konnten und somit weitere rechtserhebliche Straftaten, wie in den Anlassdelikten, zu erwarten sind.“

In der Stellungnahme heißt es ferner, dass bei Herrn Mollath eine wahnhafte Störung vorliege. Herr Kröber hätte diese Diagnose in seinem Gutachten vom 27.06.2008 bestätigt, aber auch das Vorliegen einer paranoiden Schizophrenie differentialdiagnostisch in Erwägung gezogen. Die Diagnose einer wahnhaften Störung kann aus fachpsychiatrischer Sicht nicht ohne umfassende psychische und physische Untersuchung gestellt werden.In Anbetracht der zahlreichen Differenzialdiagnosen ist die wahnhafte Störung eine Ausschlussdiagnose. Sie darf nur nach dem Ausschluss der folgenden Erkrankungen gewählt werden:

—Delir,

—Demenz,

—psychotische Störung aufgrund eines medizinischen Krankheitsfaktors

--substanzinduizerte psychotische Störung,

—Schizophrenie/ schizophrenieforme Störung

—affektive Störung mit psychotischen Merkmalen

 

Da sämtliche Gutachter ( Kröber, Pfäfflin, Leipziger), die bei Herrn Mollath eine wahnhafte Störung diagnostiziert haben wollen, ihn nicht psychiatrisch und körperlich untersucht haben, fehlt schon allein aufgrund dieser Tatsache, eine wissenschaftlich nachvollziehbare Herleitung ihrer behaupteten Diagnose.

 

Das Interview beschäftigt sich auch mit dem rechtskräftigen Urteil. Dazu die Stellungnahme von Herrn Kröber: „Die Psychiatrie muss von dem rechtskräftigen Urteil der Justiz ausgehen, dass die Taten so begangen wurden, wie er angeklagt ist. Die Psychiatrie kann nicht sagen: Vielleicht hat Mollath seine Frau gar nicht gewürgt. Vielleicht ist das alles eine böse Anschuldigung….Man kann sich natürlich im Kabarett über ein rechtskräftiges Urteil eines Landesgerichtes lustig machen. Jemanden bis zur Bewusstlosigkeit zu würgen, ist kein Kavaliersdelikt - und wenn es passiert ist und die Frau sich von wem auch immer die Würgemale hat bescheinigen lassen, dann kann man nicht sagen: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, das ist seine Privatangelegenheit, ob er seine Frau würgt.“

Auch diese Darstellung von Herrn Kröber ist falsch. Am  Anfang des Verfahrens steht nicht das rechtskräftige Urteil und dann wird im Anschluss der Psychiater mit einem Gutachten beauftragt. Der Gutachter kommt schon vor dem rechtskräftigen Urteil ins Spiel. Und natürlich ist es dann seine Aufgabe Dinge anzuzweifeln. Denn angeklagt heißt nicht für schuldig erklärt. Das Attest der Ärztin über die Verletzungen der Ehefrau stellt die Glaubwürdigkeit der Ehefrau in Frage. Hätte Herr Mollath seine Frau bis zur Bewußtlosigkeit gewürgt, dann hätte man petechiale (stecknagelgroße) Einblutungen in der Mundschleimhaut, in den Bindehäuten der Augen und hinter den Ohren finden müssen. Dies ist nicht dokumentiert, dafür aber angebliche Würgemale am Hals (medial/ventral). Beim Würgen setzt aber die Bewußtlosigkeit ein durch Abdrücken der großen Halsgefäße (Sauerstoffmangel fürs Gehirn und Abflußstauung des Blutes im Kopf daher Petechien). Beim Würgen entstehen Kratzspuren und Hautabriebe am Hals. Auch dies ist nicht dokumentiert. Ebenfalls gibt es keine Angaben über Druck- und Schluckschmerzen, die beim Würgen bis zur Bewußtlosigkeit zu erwarten wären. Hier ist es die Aufgabe des Gutachters ggfs. unter zur Hilfenahme eines rechtsmedizinischen Zusatzgutachtens für Aufklärung zu sorgen. Wenn de r Gutachter seiner Pflicht nachgekommen wäre, dann hätte man aufdecken können, dass „alles eine böse Anschuldigung“ war.

Telepolis fragt weiter: „Aber selbst wenn er diese Taten begangen hätte, wäre es doch höchst fraglich, ob heute für diese Art von Taten, für die er rechtskräftig verurteilt wurde, eine Rückfallgefahr besteht?“

Antwort Hans-Ludwig Kröber: „In der Tat. Das müsste man jetzt klären. Damals war eine andere Situation. Damals war Herr Mollath ein Patient von Vielen im Maßregelvollzug. Heute ist er eine öffentlich Erscheinung in Deutschland. Allein das führt schon bei vielen dazu, dass sie sich dieser neuen Rolle bewusst werden und der alte Kampf, der alte Streit, den man geführt hat, plötzlich in den Hintergrund tritt und man eine neue, wichtige und sozial lohnende Rolle als Justizopfer hat. In dieser Rolle wird er mit großer Wahrscheinlichkeit alles vermeiden, was ihn in den Verdacht bringen könnte, doch ein Gewalttäter zu sein.“

Hatte Herr  Kröber nicht in Übereinstimmung mit allen anderen Gutachten die Diagnose einer wahnhaften Störung bestätigt? Die wahnhafte Störung ist charakterisiert durch die Entwicklung einer isolierten Wahnidee, an der der Wahnkranke trotz Unmöglichkeit des Inhaltes rigide und unverrückbar festhält (Jaspers, 1946).  Und aufgrund dieses laut Leipziger schweren, zwingend zu behandelnden psychiatrischen Krankheitsbildes wurde Herrn Mollath eine mangelnde Einsichts- und Steuerungsfähigkeit bezüglich der Straftaten bescheinigt. Das Gericht sah es damit als bewiesen an, dass Herr Mollath wegen Schuldunfähigkeit freizusprechen und in den Maßregelvollzug unterzubringen sei.

Die Heilung einer wahnhaften Störung mittels Aufmerksamkeit durch die Öffentlichkeit ist  bisher in der Literatur nicht bekannt. Auch dem Reporter von Telepolis kam es merkwürdig vor, dass Herr Mollath seinen nicht korrigierbaren Schwarzgeldverschieberwahn gegen die Rolle als Justizopfer eintauschen können soll.

Er fragte nach: „... was ja aus therapeutischer Sicht ein Erfolg wäre. Die verbale Artikulation eines möglicherweise vorhandenen physischen Gewaltpotenzials wäre doch eine therapeutisch zu würdigende Leistung?

Hans-Ludwig Kröber: Das wäre mir zu kompliziert gedacht. Er hat sich in diesen Jahren jeglicher Therapie verweigert. Er hat einerseits Flugblätter verteilt, in denen er große Verschwörungen beschreibt andererseits andere direkt attackiert. Er hat sich auch vor seinen Taten artikuliert und insofern ändert das an seiner Gefährlichkeit nichts. Es gibt jetzt eine thematische Verlagerung in ein Feld, in dem es insgesamt unklug wäre, mit Gewalt zu agieren.“

Nochmals bestätigt Herr Kröber, dass Herr Mollath in der Lage ist, zu erkennen, dass es unklug ist, Gewalt anzuwenden. Er ist also einsichts- und steuerungsfähig, also nicht unkorrigierbar wahnhaft. Damit kann kein Wahn vorliegen, durch den Herr Mollath eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt und deshalb in der Forensik untergebracht werden muss.

Eine Entlassung von Herrn Mollath kann Herr Kröber allerdings nicht zustimmen. Der Grund sei, dass sich Herr Mollath konsequent einer neuen Begutachtung verweigern würde.  Zuletzt hätte Herr Pfäfflin Herrn Mollath untersucht. Dieser habe ebenfalls die weitere Unterbringung befürwortet. Solange es keine neuere Untersuchung gäbe, werde die Unterbringung fortgesetzt werden müssen.

Auch diese Darstellung von Herrn Kröber ist falsch. Bereits 5 Wochen nach dem Gutachten von Herrn Pfäfflin lag das fachpsychiatrische Gutachten von Herrn Dr. Weinberger vor. Er hat nach Herrn Pfäfflin Herrn Mollath eingehend untersucht und ist zum Schluss gekommen, dass Herr Mollath gesund sei. Diese neuen Erkenntnisse werden aber konsequent unterdrückt. Es ist die Aufgabe eines Gutachters alle bisher vorliegenden Gutachten im eigenen Gutachten zu berücksichtigen und ggfs. darzulegen, warum man zu einer anderen Meinung kommt. In der Stellungnahme des BZK Bayreuth vom 04.03.2013 fehlt die Diskussion zum Gutachten von Herrn Dr. Weinberger.

Zum Abschluss des Interviews versucht der Reporter nochmals eine Einschätzung zur Gefährlichkeit zu erlangen:

„Letztlich bleibt doch stehen: Sie halten ihn jetzt für ungefährlich.

Hans-Ludwig Kröber: Nein, das weiß ich nicht. Ich halte das für gut möglich und vorstellbar. Es ist nur möglich, dies mit und bei Mollath zu klären. Ich mache hier keine Gefährlichkeits-Diagnose, ohne eine wirkliche Begutachtung machen zu können. Auf der anderen Seite ist es so, dass Mollath jeden, wenn er aus der Klinik entlassen wird, zum Mordopfer deklariert, und nicht deutlich ist, was ihn gegenwärtig inhaltlich beschäftigt.“

Zuvor hatte er noch bestätigt, dass er an der Fortsetzung der Unterbringung beteiligt gewesen sei. Er hätte sich besser an die gutachterlichen Richtlinien gehalten, die er kennt:

Ohne eine wirkliche Begutachtung keine Diagnose

 

Aber manchmal halt doch, da laut Hans-Ludwig Kröber: Urteile sind soziale Einigungen über einen bestimmten Sachverhalt. Norwegen lebt einfach besser mit der Vorstellung, dass Breivik nicht verrückt, sondern böse ist.“

Und Bayern lebt einfach besser mit de r Vorstellung, dass Mollath verrückt ist.